Freitag, 19. Juni 2026

Kein Tier kennt den Montag.

 Kein Tier kennt den Montag.

Der Adler kreist nicht unter dem Gewicht einer Woche. 

Der Wolf zählt keine Tage bis zum Freitag. 

Das Meer erhebt seine Wellen nicht nach einem Kalender, 

und der Wald verneigt sich nicht vor einer Uhr.


Nur der Mensch.

Der Mensch, dieses seltsame Tier, 

das Zeichen über die Wirklichkeit legt 

und schließlich vor seinen eigenen Zeichen niederkniet.

Einst blickte er zu den Sternen empor und erfand Namen für die Zeit. 

Er teilte das Fließen des Daseins in Abschnitte, 

zog Grenzen durch das Grenzenlose und sprach: 

»Dies ist ein Montag.«

Und siehe: Was als Werkzeug geschaffen wurde, 

wurde zum Herrn.

Die Woche ist keine Tochter der Natur. 

Kein Berg kennt sie. Kein Fluss gehorcht ihr. 

Sie lebt allein im Geist des Menschen – 

und doch herrscht sie über Millionen 

stärker als Sturm und Winter.

Wie seltsam!

Der Mensch erschafft ein Gespenst und wird sein Knecht.

Er wacht auf und fühlt die Schwere in seinen Gliedern. 

Er spürt die Müdigkeit seines Geistes, 

das Zittern seiner Nerven, die Erschöpfung seiner Seele. 

Doch statt zu fragen, ob seine Lebensweise krank ist, 

fragt er, wie er sich besser anpassen könne.

Nicht das Leben soll dem Menschen dienen.

Der Mensch soll dem Zeitplan dienen.

So spricht die Herde.

»Halte durch bis Freitag.«

Welch armselige Hoffnung! 

Welch dürftiger Horizont! 

Fünf Tage der Entfremdung,

damit zwei Tage der Erholung 

den Zusammenbruch hinauszögern.

Das nennt man Vernunft.

Doch der Leib kennt diese Vernunft nicht. 

Der Leib kennt keine Montage und keine Sonntage. 

Er fragt nur:

Bin ich stark?

Bin ich genährt?

Bin ich ausgeruht?

Kann ich wachsen?

Und wenn diese Fragen zu lange verneint werden,

 beginnt der Aufstand des Fleisches 

gegen die Tyrannei der Abstraktionen.

Dann spricht der Körper jene Wahrheit aus, 

die der Geist nicht hören will.

Die Erschöpfung vieler Menschen ist nicht bloß Schwäche. 

Oft ist sie das Urteil des Lebens selbst über eine Ordnung, 

die sich von ihren Wurzeln entfernt hat.

Der moderne Mensch lebt in einem Käfig aus Zahlen, 

Terminen und Pflichten. 

Er nennt ihn Realität.

Doch vielleicht ist die größere Realität jene Kraft, 

die in seinen Adern pulsiert, 

die älter ist als alle Kalender, 

älter als alle Reiche, 

älter als alle Götter.

Das Leben.

Und das Leben fragt nicht, welcher Wochentag heute ist.

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