Dienstag, 21. Juli 2026

Die Täter haben Namen – der Rechtsstaat hat Ausreden

 Die 

Täter haben Namen – 

der 

Rechtsstaat

 hat 

Ausreden

Libertas via NIUS
Stellen Sie sich für einen Moment vor, Sie wären einer der Ermittler. Ein halbes Jahr lang arbeiten Sie sich durch eine der schwersten Anschlagsserien auf die kritische Infrastruktur dieses Landes seit Jahrzehnten. Sie identifizieren Verdächtige, Sie erwirken Durchsuchungsbeschlüsse, und am Morgen des 24. März rücken fünfhundert Beamte aus. Siebzehn Objekte in Berlin, Hamburg, Düsseldorf und Brandenburg werden durchsucht, Mobiltelefone, Laptops und Festplatten sichergestellt. Es ist der erste greifbare Fahndungserfolg, den es in dieser Sache seit fünfzehn Jahren gegeben hat. Und dann sitzen Sie vor genau diesen Geräten – und dürfen sie nicht auswerten. Willkommen im Berlin des Jahres 2026.

Man muss sich diesen Vorgang wirklich auf der Zunge zergehen lassen, denn an Absurdität ist er kaum zu überbieten. Die Beschuldigten haben gegen die Sicherstellung ihrer Datenträger Rechtsmittel eingelegt. Die Generalstaatsanwaltschaft erklärt, diese Rechtsmittel hätten keine aufschiebende Wirkung, eine Auswertung sei also zulässig. Aus den Ermittlungsbehörden aber heißt es, das Bundeskriminalamt komme an die Daten gar nicht heran. Beides zugleich kann nicht stimmen. Doch offiziell erklärt niemand den Widerspruch. Man schweigt. Man lässt die Öffentlichkeit im Ungewissen darüber, warum die entscheidenden Beweismittel in einem der gravierendsten Fälle von Infrastrukturterrorismus dieser Republik seit Monaten unangetastet in irgendeinem Asservatenschrank liegen. Wer so vorgeht, muss sich die Frage gefallen lassen, ob hier eigentlich noch ermittelt oder nur noch verwaltet wird.

Und um was für einen Fall es dabei geht, sollte man keine Sekunde vergessen. Im September vergangenen Jahres brannte die Stromversorgung des Technologieparks Adlershof, im Januar traf es den Südwesten der Hauptstadt. In Lichterfelde setzten die Täter an einer Kabelbrücke über den Teltowkanal fünf Hochspannungskabel und zehn Mittelspannungsleitungen in Brand – kaltblütig, präzise, an einem neuralgischen Punkt des Netzes. Rund hunderttausend Menschen saßen daraufhin im Dunkeln, viele auch ohne Heizung, mitten im tiefsten Winter. Es war der längste Stromausfall der Stadt seit dem Kriegsende 1945. Von einer verstorbenen Rentnerin war anschließend die Rede, ob unmittelbar durch den Ausfall verursacht, ist bis heute nicht abschließend geklärt. Wer bei alldem noch von „Protest“ oder „Aktivismus“ redet, verhöhnt jeden, der damals frierend in seiner Wohnung ausharren musste. Das ist Terror gegen die Lebensadern einer Millionenstadt, nichts anderes.

Nun könnte man ja meinen, wenigstens gehe man dem harten Kern dieser Szene mit der gebotenen Härte nach. Weit gefehlt. Bei den Verdächtigen handelt es sich nicht um Phantome, sondern um vier szenebekannte Linksextremisten zwischen 28 und 36 Jahren, zwei Frauen und zwei Männer, verortet im Umfeld der Rigaer Straße 94, jenem seit Jahren berüchtigten Rückzugsraum der linken Szene. Einer von ihnen stand schon in Bayern im Visier der Ermittler, im Umfeld eines anarchistischen Sabotage-Magazins; das dortige Verfahren zerbröselte im Dezember mangels Beweisen. Bei der Razzia im März fanden die Beamten neben den Datenträgern auch professionelle Technik zum Aufspüren von Kameras, Wanzen und Mikrofonen – „Material, auf das Geheimdienste stolz wären“, wie ein Insider es ausdrückte. Wir reden hier also nicht über ein paar verirrte Wirrköpfe, sondern über konspirativ arbeitende Profis. Und ausgerechnet deren Handys und Rechner darf man nicht anfassen.

Was der Staat dagegen sehr wohl konnte: die Identität der Beschuldigten in die Öffentlichkeit sickern lassen. Alter und Initialen standen in der Zeitung, noch ehe auch nur ein einziger Datenträger ausgelesen war. Man muss sich das vergegenwärtigen. Die Tatverdächtigen wissen nun ganz genau, dass sie im Fadenkreuz stehen. Sie können ihre Kommunikation umstellen, Spuren tilgen, Geräte verschwinden lassen. Wer eine laufende Überwachung führt, verhält sich normalerweise mucksmäuschenstill. Hier geschah das glatte Gegenteil.
Nennen Sie es Pannenserie, nennen Sie es Kalkül – das Ergebnis ist in beiden Fällen dasselbe: Die Beobachteten sind gewarnt, und die Serie läuft munter weiter.

Denn genau das tut sie. Im Juni brannte ein Umspannwerk in Reutlingen, es gab Vorfälle in Regensburg, und erst vor wenigen Tagen legten Brandsätze in Kabelschächten die stark befahrene Bahnstrecke Köln–Düsseldorf lahm. Zunächst sprach man brav von einem „Böschungsbrand“, bis sich ein „Kommando Angry Birds“ auf der einschlägigen linken Plattform zu der Tat bekannte. Dieselbe Truppe hatte schon andere Anschläge im Rheinland für sich reklamiert. Im Netz kursieren derweil detaillierte Sabotageanleitungen, frei zugänglich für jeden, der Lust hat, das nächste Umspannwerk anzuzünden. Der zuständige Innenminister verurteilt das dann jedes Mal mit markigen Worten, greife man die Infrastruktur an, greife man den Staat an. Nur folgen den Worten keine Taten. Die Täter wissen das. Sie lachen darüber.

Wer wissen will, wohin diese Nachsicht führt, muss nur ein paar Jahre zurückblicken. Im Februar 2023 ertappte die Bundespolizei aus einem Hubschrauber heraus zwei Verdächtige zwischen den Gleisen in Adlershof, Daniel K. und Eva H., beide der linken Szene rund um die Rigaer und Liebigstraße zuzurechnen. Im Rucksack ein mit Benzin gefüllter Kanister und Wechselkleidung, dazu eingeschaltete Funkgeräte und eine Liste mit Kennzeichen ziviler Polizeifahrzeuge. Die Staatsanwaltschaft sah darin die Vorbereitung eines Brandanschlags auf die S-Bahn und erhob Anklage. Und dann? Im Juli 2024 sprach das Amtsgericht Tiergarten beide frei, die Beweislage sei zu dünn. Das mag man juristisch für vertretbar halten. Bemerkenswert ist etwas anderes: Die Staatsanwaltschaft akzeptierte den Freispruch und verzichtete darauf, in Berufung zu gehen. Man ließ es einfach laufen. Zwei mutmaßliche Brandstifter, festgenommen mit Benzin am Gleis – und der Rechtsstaat schöpfte nicht einmal die Rechtsmittel aus, die ihm selbstverständlich zur Verfügung standen. Merken Sie sich dieses Muster, denn Sie werden ihm in dieser Sache immer wieder begegnen: klare Hinweise, bekannte Milieus, am Ende ein Achselzucken.

Man stelle sich vor, mit welcher Energie derselbe Apparat vorgeht, wenn ein Rentner ein missliebiges Meme teilt, wenn jemand die falsche Flagge aufhängt oder einen Politiker unbotmäßig kritisiert. Da klingelt es morgens um sechs, da wird beschlagnahmt, angeklagt, verurteilt. Da funktioniert der Rechtsstaat auf einmal mit preußischer Gründlichkeit. Nur wenn die Lichter einer ganzen Stadt ausgehen und die Verdächtigen aus dem richtigen politischen Lager stammen, greift eine seltsame Zurückhaltung um sich. Diese Ungleichbehandlung ist der eigentliche Skandal. Sie zersetzt das Vertrauen in die Institutionen schneller, als es jede Vulkangruppe je könnte.

Und die Politik? Die war anderweitig beschäftigt. Berlins Regierender Bürgermeister stürzte über diese Krise, das ist wahr – nur nicht etwa, weil unter seiner Verantwortung eine Millionenstadt tagelang lahmgelegt wurde und die Täter bis heute frei herumlaufen. Er stürzte, weil er über sein eigenes Krisenmanagement die Unwahrheit gesagt hatte, weil aufflog, dass er an jenem Morgen eben nicht am Telefon die Lage koordinierte. Über die Lüge fiel er, nicht über das Versagen. In diesem einen Bild steckt die ganze verkorkste Prioritätensetzung dieser Stadt: Die Fassade zählt, das Ergebnis nicht. Ob die Bürger im Warmen sitzen und ob Brandstifter gefasst werden, ist zweitrangig, solange die Erzählung stimmt.

Am Ende bleibt eine einzige, schlichte Frage, und sie ist es wert, dass man sie so lange stellt, bis endlich jemand antwortet: Wie ernst nimmt dieser Staat die Täter eigentlich? Man kennt ihr Milieu. Man kennt teils ihre Namen. Man hat ihre Geräte im Schrank. Und trotzdem geschieht nichts. Zu dumm, um zu ermitteln, ist unsere Sicherheitsarchitektur nicht – so viel steht fest. Bleibt die unbequeme Alternative, dass sie es an entscheidender Stelle nicht will. Für jeden, der im Januar frierend im Dunkeln saß, ist das die bitterste Erkenntnis von allen.
 

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Euer ERFRIBENDER

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